Britische Popmusiker nehmen ein „Silent Album“ auf: Man hört ja gar nichts
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Wir alle oder zumindest die Musikinteressierten unter uns haben noch John Cages „4’33’’“ im Ohr. Wirklich im Ohr? Na, man weiß, wie es gemeint ist. Cages Werk hat zwar eine bestimmte Länge beziehungsweise Dauer – eben die im gleichsam mit der Tür ins Haus fallenden Titel praktischerweise schon bezeichneten vier Minuten und 33 Sekunden –, aber es klingt nicht. Das heißt, es klingt nicht etwa nicht gut, sondern es klingt gar nicht, es hat keine einzige Note, kennt weder Dur noch Moll, da herrscht totale Fehlanzeige, nur die fünf unbeschriebenen Notenlinien, dargereicht dem, wenn man es denn überhaupt so nennen will: ausführenden Personal in provozierender Leere.
Mit anderen Worten: John Cages „4’33’’“ ist, obwohl es den Status eines musikalischen Werks zweifellos für sich beanspruchen kann, nicht etwa nur viel leiser als andere, es ist vielmehr absolut leise, die Stille an sich und als solche. Jedenfalls war es von seinem Urheber idealiter so vorgesehen, auch wenn bei der konkreten „Aufführung“, deren allererste auch schon wieder mehr als 70 Jahre zurückliegt, dann doch immer mal wieder etwas zu hören ist – Gehüstel oder Getuschel, Applaus womöglich, wie das eben so ist, wenn lebendige Wesen zusammenkommen. Dies alles vorausgeschickt, machen wir jetzt auf etwas aufmerksam, das ohne Cage wohl einfach nur für Befremden sorgen würde, für dessen Aufnahme so aber der Boden gut bereitet und man fast versucht ist, routiniert abzuwinken: „Ach, Cage, klar, sowas kennt man ja.“
Es hat nun nämlich ein „Silent Album“ das Licht der Welt erblickt, das britische Popkünstler aufgenommen beziehungsweise gerade nicht aufgenommen haben – Kate Bush, Annie Lennox, Cat Stevens, insgesamt tausend Musiker. Zu hören ist fast nichts, aber mehr als bei Cage, beispielsweise wetzende Fußgeräusche auf dem von Kate Bush beigesteuerten Stück, wahrscheinlich aus der Küche oder aus dem Wohnzimmer. Der Rest funktioniert ähnlich. Die Scharte, die man mit der Tatsache entstanden sehen mag, dass hier Ideenklau vorliegt, wird ausgewetzt durch das Anliegen, das die „Urheber“ damit verbinden und das sich gegen eine Urheberrechtsverletzung richtet, die sie hiermit selbst begehen.
Sie halten dies jedenfalls für die geeignetste Art, sich gewissermaßen Gehör zu verschaffen und die britische Regierung dazu zu bewegen, mit einer Verschärfung oder strengeren Anwendung des Urheberrechts dafür zu sorgen, dass KI-Firmen ihre Musik, also ihre „wirkliche“ Musik nicht länger für Testzwecke einsetzen, sondern, wenn, dann auch dafür bezahlen. Was sagt man aber dazu, dass dieses Album von Musikern stammt, die nicht sämtlich geradezu am Hungertuch nagen? Hat man sowas schon gehört?
Frankfurter Allgemeine Zeitung