Comic-Kolumne: Matthias Aréguis Künstlergeschichte „Ein Hundeleben“
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Niemand macht im deutschsprachigen Comicverlagswesen derzeit hübschere Bücher als die Edition Moderne in Zürich – jeder Band ein Kunstwerk, gerade weil sich die Gestaltung bei Lizenzausgaben oftmals von der des anderssprachigen Originals löst und dabei versucht, besser die spezifischen Stimmungen der jeweiligen Geschichte zu treffen. Damit einher geht aber auch ein so großer Stolz auf die eigene Leistung, dass Selbstverständlichkeiten wie die Angabe des ursprünglichen Titels im Impressum einfach vergessen werden (wen könnten denn andere Ausgaben dieser Geschichte interessieren?). Und bei der Titelvergabe ist die Edition Moderne auch kreativ, allerdings bisweilen auf kontraproduktive Weise. So heißt das Buch, um das es hier gehen soll, auf Französisch „Un Nécromanchien“. Der deutsche Titel? „Ein Hundeleben“.
Nun ist es nicht leicht, das Wortspiel mit dem Nekromanten (einem Spiritisten, der in Séancen Tote heraufbeschwört) ins Deutsche zu retten, zumal die Aussprache des französischen Titels auch noch „mon chien“ anklingen lässt – „meinen Hund“. Aber die Betitelung als „Ein Hundeleben“ setzt über die negative Bedeutung des Begriffs einen derart anderen Fokus, dass man sich fragen muss, was sich der ansonsten sehr zuverlässige etatmäßige Übersetzer Christoph Schuler dabei gedacht hat. Oder die Verlagsleitung.

Zumal bei aller Schönheit des für die deutsche Ausgabe entstandenen Covers die französische Originalausgabe gewiss verkaufsträchtiger sein dürfte. Denn sie zeigt den niedlichen Hund, den das deutsche Titelbild nur klein in Szene setzt, als einzige Figur, und das gleich dreimal: immer größer werdend von oben nach unten, bis das freundliche Gesicht des Tiers die ganze untere Hälfte des Covers füllt. Aber klar: Wenn die Geschichte nun „Ein Hundeleben“ heißt, dann muss eher das Herrchen des Hundes prominent auf den Umschlag, denn der führt das besagte Hundeleben. John Morose heißt das Herrchen; als erfolgloser Maler lebt er in einem kleinen Haus in einer anonymen Vorstadtsiedlung.
Nebenan wohnt ein anderer Maler, ein sehr erfolgreicher: der ehemalige Studienkollege Hans Dubonheur (die Namen entsprechen wiederum genau dem Original, auch bei diesem deutsch-französischen „Hans im Glück“). Dessen Haus sticht buchstäblich aus der ansonsten uniformen Architektur heraus: Eines der kleinen Normhäuser ist von ihm erst verbreitert und dann mit einem futuristischen Glasaufbau derart nach oben vergrößert worden, dass es über der Stadtlandschaft thront und dem prominenten Bewohner den Ausblick (man könnte auch sagen: den Herabblick) auf all die Niemande in der Nachbarschaft gestattet. Besonders auf Morose (dessen Name übrigens „missgestimmt“ bedeutet; ob des Hundelebens eben).
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Nun aber endlich zum Autor dieses Comics. Matthias Arégui ist Jahrgang 1984 und stammt aus Straßburg. Vor sieben Jahren brachte der Schweizer Literaturverlag Diaphanes schon einmal die Übersetzung eines seiner Bücher heraus: von „Martin Heideggers Griesgram“, der Geschichte eines Käfers, der sich durch den Leichnam des Philosophen frisst. Allerdings hatte Arégui dazu nur die Bilder geschaffen (die Geschichte stammt von Yan Marchand), und es ist auch kein Comic, sondern sehr reich illustrierte Prosa. Der darin artikulierte schwarze Humor scheint für Arégui attraktiv gewesen zu sein.
Den gibt es auch in „Ein Hundeleben“ reichlich. Es ist eine bitterböse Satire auf den Kunstbetrieb, dessen Protagonisten im Comic dem ebenso dreisten wie arroganten Dubonheur zu Füßen liegen, während der bescheidene Morose keine Beachtung findet. Der Antagonismus zwischen den beiden Männern findet seine Fortsetzung im Hass von Dubonheurs Katze auf Moroses Hund, und aus dem Dauerstreit dieser beiden Tiere resultiert auf dem dramatischen Höhepunkt des Buchs der Unfalltod des Hundes. Damit hat Morose seine wichtigste Inspirationsquelle verloren, doch fortan bekommt er Besuch vom Geist des verstorbenen Haustiers, und aus diesem Beistand, der noch ergänzt wird durch die Hilfe einer höchst lebendigen und lebensfrohen ehemaligen Künstlerbedarfshändlerin, erwächst der späte Aufstieg des verkannten Malers – sehr zum Leidwesen von Rivale und Katze im Nachbarhaus.

Die Geschichte ist schlicht, aber erfreulich; was den Comic indes groß macht, ist dessen graphische Experimentierfreude. Arégui hat erkennbar von David Mazzucchellis „Asterios Polyp“ gelernt, vor allem bei der konsequenten Variation der Seitenarchitektur, aber zugleich bringt er in seine an der nordamerikanischen „Drawn-&-Quartely“-Schule orientierte Ligne Claire immer wieder einmontierte gemalte Darstellungen, die dann die Kunst der beiden Rivalen wiedergeben. Dass es sich dabei um schlimmen Kitsch handelt, dürfte gewollt sein. Wer so klischeegerecht Künstlerpersönlichkeiten gegeneinander ausspielt, hat keinen positiven Blick auf die eigene Profession.
Es ist die amerikanische Handschrift von Aréguis Grafik, die diesen Band aus dem breiten Spektrum der frankobelgischen Comiclandschaft herausstechen lässt. Dass sein Autor sich bislang vor allem als Kinderbuchillustrator betätigt hat, mag man kaum glauben angesichts seiner Geschicklichkeit bei der Nutzung des Idioms von Comic-Kollegen wie Daniel Clowes oder Kevin Huizenga (und ein gutes Stück von Luke Pearson, also britischer Einfluss, steckt auch mit drin). Hatte Craig Thompson vor zwanzig Jahren von den französischen Independentautoren gelernt und damit die amerikanische Szene aufgerollt, so kommt nun einiges der dabei ausgeführten Transformationen wieder zurück über den Atlantik. Faszinierend zu beobachten, sehr gut zu lesen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung