Femizide in Deutschland: Das verraten die Daten
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Im vergangenen Jahr hat der Prozess um Gisèle Pelicot die ganze Welt erschüttert. 51 Männer waren in Frankreich angeklagt, die mit Tabletten bewusstlos gemachte Pelicot vergewaltigt zu haben – und das waren nur die, die auf den Videos der Taten identifiziert werden konnten. Wesentlich mehr waren auf der Chat-Website unterwegs, über die Dominique Pelicot Männer zum Missbrauch an seiner Frau einlud.
Eine Strg-F-Doku konnte aufdecken, dass es Telegram-Gruppen mit Hunderten bis Zehntausenden Mitgliedern gibt, in denen sich Nutzer darüber austauschen, betäubte Frauen zu vergewaltigen. Dass Gewalt gegen Frauen auch in Deutschland ein massives Problem ist, offenbart ein Blick in die verfügbaren Statistiken.
Die Gewalt gegen Frauen in der Bundesrepublik nimmt zu, zeigt das Lagebild des Bundeskriminalamts. Dieses erfasst unter anderem die Anzahl weiblicher Opfer von Sexualstraftaten, häuslicher und digitaler Gewalt. Und es zeigt: Alle Zahlen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Besonders massiv ist der Anstieg bei der digitalen Gewalt, also Delikten wie Stalking oder sexueller Missbrauch, die mithilfe des Internets begangen werden.
Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Julia Habermann forscht an der Ruhr-Universität Bochum zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Zunahme der Fallzahlen könne durch die Aufhellung des Dunkelfelds zustande kommen: Also dass mehr Taten polizeilich erfasst werden, sagt sie. Es könne sich aber auch um einen tatsächlichen Anstieg handeln. Als „feministisches Paradox“ wird das Phänomen bezeichnet, dass mit wachsender Gleichstellung auch die Gewalt gegen Frauen zunehmen kann.
„Wir leben in einem patriarchalen System, das Gewalt gegen Frauen normalisiert“, sagt die Rechtsanwältin Christina Clemm, die Menschen vertritt, die von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind. Zurzeit würden wir einen gesellschaftlichen Backlash erleben: In den sozialen Medien würden eigentlich überholte Vorstellungen von Männlichkeit und Dominanz erstarken. Rechte Bewegungen arbeiteten daran, feministische Errungenschaften zurückzudrehen.
Die extremste Form von Gewalt gegen Frauen ist der sogenannte Femizid. Der Begriff wird in Deutschland nicht einheitlich verwendet. Eigentlich meint er, dass Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind. Das lässt sich jedoch nicht immer so leicht rekonstruieren. Erfasst werden daher alle getöteten Frauen, mit Ausnahme von denen, die im Zusammenhang mit Raubdelikten zu Tode kommen. Denn dort, so die Annahme, sei das Geschlecht nicht das Motiv für die Tat.
Sozialwissenschaftlerin Habermann gibt zwei Punkte bei der Verwendung des Begriffs zu bedenken: Zum einen sei nicht jedes Tötungsdelikt, bei dem eine Frau stirbt, ein Femizid. Zum anderen umfassen verschiedene Definitionen auch, dass Frauen aufgrund misogyner Praktiken sterben – etwa bei Zwangsabtreibungen oder -sterilisationen. In seiner jetzigen Verwendung sei der Begriff daher zugleich zu weit und zu eng gefasst.
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Davon, den Femizid als eigenen Straftatbestand einzuführen, halte sie nichts, sagt Rechtsanwältin Clemm. Beim Umgang mit Gewalt gegen Frauen sei das materielle Strafrecht nicht das Hauptproblem, sondern die Umsetzung: Die Ermittlungsverfahren gegen Gewalttäter würden oft viele Jahre dauern – und die Frauen seien während dieser Zeit ungeschützt.
2023 ist die Anzahl der versuchten und vollendeten Tötungen von Frauen in Deutschland wieder leicht gestiegen – betrachtet man die verfügbaren Daten bis 2009, zeigt sich, dass sich insgesamt nicht viel verändert hat.
Hochstände gab es 2018 mit 1082 und 2020 mit 1050 Fällen. 2020 zeigt sich zudem ein Anstieg der häuslichen Gewalt. Erklären lässt sich das mit den Effekten der Corona-Pandemie: Wegen der Lockdowns verbrachten die Menschen die meiste Zeit zu Hause. Das Resultat: Mehr Konflikte, weniger Auswege für Frauen in gewalttätigen Beziehungen.
Was steckt hinter diesen Zahlen? Aufschlüsseln lassen sie sich anhand von weiteren Statistiken. So kann man etwa herausfinden, wie sich die Femizide in Deutschland örtlich verteilen. Insgesamt gibt es durchschnittlich 1,11 Femizide pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Einen besonders extremen Ausreißer bildet das Saarland: Hier sind es 2,51.
Auch über die Betroffenen der Gewalt lässt sich mehr herausfinden. Bei den Sexualstraftaten zeigt sich: Ein großer Teil der Opfer ist minderjährig. Bei den Femiziden ist es hingegen eher andersherum: Knapp ein Viertel der Getöteten ist 60 Jahre und älter, etwa ein Fünftel 30 bis 40 Jahre alt.
Der Großteil der Tatverdächtigen bei Femiziden ist laut Daten des BKA männlich (84,6 Prozent) und deutscher Herkunft (68,2 Prozent). Im Bereich der Sexualstraftaten zeichnet sich ein deutlicheres Bild ab: Hier sind bei Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff 98,9 Prozent der mutmaßlichen Täter männlich, bei sexueller Belästigung 98,7 Prozent und bei sexuellem Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen ab 14 Jahren 95,5 Prozent.
Und: In der Regel kennen sich Täter und Opfer. Ein Großteil der Femizide ist die Folge von Gewalt in Familien oder Beziehungen. 155 Frauen wurden 2023 von ehemaligen Partnern umgebracht – also fast jeden zweiten Tag ein.
Die Anzahl der weiblichen Opfer von häuslicher Gewalt liegt laut derselben Statistik bei 70,5 Prozent – bei Partnerschaftsgewalt sogar bei 79,2 Prozent. In der polizeilichen Kriminalstatistik existieren nur zwei Geschlechter. Es lässt sich daraus also nicht ablesen, wie viel Gewalt trans Personen erfahren. Das Bundesinnenministerium verzeichnet für 2023 jedoch 854 Straftaten aufgrund von „geschlechtsbezogener Diversität“ – mehr als doppelt so viele wie 2022.
Mehr zu den Hintergründen von Gewalt gegen Frauen lässt sich aus den Daten herauslesen, die Frauenhäuser erheben. Diese zeigen: Zu einem Großteil werden Ehemänner bzw. Partner gegenüber Frauen gewalttätig. Im Vergleich dazu sind die Fälle von häuslicher Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen sehr gering.
Die bundesweite Frauenhausstatistik verdeutlicht auch, dass die Daten des BKA nur einen Bruchteil abbilden. Denn hier zeigt sich, dass bei vielen Fällen von häuslicher Gewalt keine rechtlichen Schritte erfolgen – und diese somit nicht in den polizeilichen Statistiken auftauchen.
Das liege wohl auch daran, dass viele Frauen fürchten, nicht ernst genommen zu werden. „Damit Polizei und Justiz von Betroffenen wirklich als vertrauenswürdige Anlaufstellen wahrgenommen werden, müssten sie fachlich und traumasensibel ausgebildet sein“, sagt Juliane Fiegler vom Verein Frauenhauskoordinierung.
Faktoren, die es Frauen erschweren, gewaltvolle Beziehungen zu verlassen, gibt es laut Sozialwissenschaftlerin Habermann viele: finanzielle Abhängigkeiten, die Schwierigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu finden, das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden – unter anderem. Hinzu komme, dass es vor körperlicher Gewalt häufig Kontrolle gebe: Viele Frauen würden von Freunden und Familie isoliert, ihr Selbstbewusstsein durch Demütigungen untergraben.
Und: „Mit einer Trennung hört die Gewalt nicht zwingend auf.“ Im Gegenteil: Häufig intensiviere sie sich dann. Etwa durch Stalking und Todesdrohungen, die zuweilen in die Tat umgesetzt werden.
Frauenhäuser sind eine Anlaufstelle für Frauen, die Gewalt in der Familie oder Beziehungen entkommen sollen. Seit 2018 ist die Istanbul-Konvention in Deutschland in Kraft. Damit verpflichtet sich die Bundesrepublik, gegen geschlechtsspezifische Gewalt vorzugehen. Laut Istanbul-Konvention müsse es in Deutschland für die ausreichende Versorgung 21.000 Plätze in Frauenhäuser geben. Der Wert richtet sich nach der Bevölkerung. Aktuell sind es nach Angaben der Frauenhaus-Koordinierung 7700 Plätz.
678 Frauenhäuser gibt es demnach in Deutschland. Betrachtet man die Anzahl im Verhältnis zu den Einwohnerinnen und Einwohnern, zeigt sich, dass die Versorgungslage besonders in Berlin und Hamburg angespannt ist.
Auch Juliane Fiegler bestätigt: Frauenhausplätze sind besonders in den Bundesländern mit großer Fläche und/oder vielen Einwohnern und Einwohnerinnen rar – wie etwa in Nordrhein-Westfalen oder Bayern. In Berlin oder Hamburg gebe es zwar vergleichsweise mehr Frauenhäuser, diese hätten zugleich aber auch mehr Zulauf.
Viele Frauenhäuser seien unterbesetzt, das Personal überlastet. Trotzdem seien „Frauenhäuser Orte der Hoffnung“, sagt Fiegler.
Christina Clemm, Rechtsanwältin
Wie lässt sich verhindern, dass Frauen überhaupt auf Plätze in Frauenhäusern angewiesen sind? Die Sozialwissenschaftlerin Julia Habermann sagt: Es muss mehr Sensibilisierung in Bezug auf Geschlechterrollen und Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geben. Das sei nicht Aufgabe der Politik alleine, sondern könne nur gesamtgesellschaftlich gelingen.
Wichtig sei es, auch im eigenen Umfeld sensibel für die Warnzeichen bei gewalttätigen Beziehungen zu sein – etwa auf sein Bauchgefühl zu hören, wenn man kontrollierendes oder herabsetzendes Verhalten erlebt, und das vorsichtig entweder bei der betroffenen oder ausübenden Person anzusprechen. Auch Rechtsanwältin Christina Clemm glaubt, dass man viel mehr bei der Prävention ansetzen müsse: „Wir müssen Männer davon abhalten, gewalttätig zu werden.“
rnd