Nationenwechsel von Avdullahu: «Solche Fälle müssen die Ausnahme bleiben», sagt der neue Verbandspräsident Peter Knäbel


Christian Beutler / Keystone
Die Fussball-Schweiz fiebert der WM-Qualifikation entgegen. Wie erleben Sie als Präsident die Vorfreude?
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Intensiv. Die WM-Teilnahme 2026 ist ein grosses, ein ambitioniertes, aber auch ein machbares Ziel, das wir mit Respekt und Demut angehen. Die Vorfreude ist riesig, und ich persönlich erlebe den Fussball in einer neuen Rolle.
Mit sechs Spielen in drei Monaten ist die WM-Qualifikation so kurz wie noch nie. Ein Nachteil?
Es fühlt sich fast an wie die internationalen Wettbewerbe im Klubfussball. Die Fehlertoleranz ist klein. Umso wichtiger wird es sein, dass wir mit den beiden Heimspielen einen Top-Start erwischen.
Der Start in die Vorbereitung war schlecht: Der Trainer Murat Yakin wollte Leon Avdullahu aufbieten, Avdullahu sagte ab und entschied sich, für Kosovo zu spielen. Eine Niederlage?
Es steht ausser Frage, dass wir uns einen anderen Ausgang gewünscht hätten. Bei der Saisonauftaktveranstaltung der Nationaltrainer wurde ich an meinem dritten Arbeitstag über den Status quo in der Angelegenheit informiert. Ich kannte Avdullahu aus Spielbeobachtungen des FC Basel und hatte mich bereits intern nach der Bedeutung des Fotos mit dem Spieler und dem kosovarischen Präsidenten erkundigt.
Und was haben Sie daraus gefolgert?
Ich habe gefragt, was wir bisher gemacht haben. Die Kette der Informationen und der Ablauf der Gespräche waren für mich schlüssig. Aber gemeinsam kamen wir zur Einsicht, dass es eine Tempoverschärfung braucht, und ich bin mit Murat Yakin und dem Assistenztrainer Davide Callà nach Hoffenheim gefahren für ein persönliches Gespräch mit dem Spieler.
Wenn es eine Tempoverschärfung brauchte, haben die Zuständigen vorher geschlafen – zum Beispiel Yakin und Pierluigi Tami, der Direktor der Nationalmannschaften. Haben sie ihren Job gemacht?
Wir werden und müssen diese Geschichte intensiv aufarbeiten und daraus unsere Schlüsse ziehen. Tami, Yakin und andere im Verband haben ihren Job so gemacht, dass er in fünfzehn früheren Fällen zum Erfolg geführt hat. Womit wir uns aber auch auseinandersetzen müssen, ist das Engagement der Kosovaren, ihr unermüdliches und redliches Werben für den Spieler. Es gibt keine Automatismen, dass man sich für uns entscheidet. Was mir ganz wichtig ist bei diesem Thema: Es war, ist und wird immer die ganz persönliche, die ganz individuelle Entscheidung eines jungen Menschen sein, für welchen Verband er spielt. Das habe ich immer respektiert, und das wird auch so bleiben.
Werden Sie als Präsident auch künftig wie bei Avdullahu Mikromanagement betreiben?
Das war eine gemeinsame, gut begründete und nachvollziehbare Entscheidung, mit der sich alle unmittelbar Involvierten wohlgefühlt haben. Mit meiner Präsenz als Präsident – wie sich herausgestellt hat, leider zu spät – signalisierten wir gegenüber dem Spieler und seinem Umfeld die gleiche Wertschätzung wie die Gegenseite. Es versteht sich von selbst, dass solche Fälle für mich als Präsidenten die Ausnahme bleiben müssen.
Wie nahe wollen Sie beim Nationalteam sein?
Die Frage stellt sich automatisch wegen meiner Biografie. Ich darf nochmals festhalten, dass ich nicht mehr Sportdirektor, nicht mehr Sportvorstand, nicht mehr Technischer Direktor, sondern Präsident des SFV bin. Dieser Rolle gilt es in all ihren Facetten gerecht zu werden.
Der 58-Jährige ist seit dem 1. August Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV). Der Nachfolger von Dominique Blanc ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, war Bundesliga-Profi und wurde Trainer. Von 2009 bis 2015 war Knäbel Technischer Direktor im SFV, danach Verantwortlicher Sport im Hamburger SV und im FC Schalke 04. Für das Schweizer Fernsehen arbeitete er als Experte.
Der Nationaltrainer ist Ihr wichtigster Angestellter. Yakins Vertrag läuft nicht weiter, wenn die Schweiz die WM verpasst. Ist sein Verbleib denkbar, wenn die WM-Qualifikation nicht klappt?
Wir gehen mit sehr viel Positivität und Dynamik in die Qualifikation. Wir wissen um unsere Qualität. Diese gilt es komplett in allen sechs Spielen abzurufen. Dann werden wir die WM-Teilnahme auch erreichen. Nur damit setze ich mich zum jetzigen Zeitpunkt auseinander.
Wir akzeptieren Ihre Antwort. Grundsätzlich: Wie wollen Sie Ihre Rolle als Präsident interpretieren? Ihr Vorgänger Dominique Blanc wirkte eher im Hintergrund.
Es ist Ihre Wahrnehmung, dass Blanc im Hintergrund war. Die Aufgaben im Verband sind klar strukturiert und verteilt. Ein Präsident sollte erkennbar und handlungsfähig sein. Hier gilt es den richtigen Mix aus natürlicher Nähe und Distanz zu finden.
Ausgehend vom Nationalteam – welche Baustellen haben Sie bereits identifiziert?
Die oberste Priorität ist derzeit die WM-Qualifikation. Die Sinne und der Fokus müssen auf die kommenden drei Monate, konkret auf die kommenden sechs Spiele, geschärft werden. Sie können aber davon ausgehen, dass ich mir parallel dazu alles sehr detailliert ansehen und alles einordnen werde. Ich kenne vieles aus meiner früheren Tätigkeit im Verband, einiges ist aber auch neu.
Immerhin stehen wichtige Personal- und Strukturfragen an. Schieben Sie das zur Seite?
Nein. Aber sie haben momentan keine Dringlichkeit. Ich vermute, Sie wollen über die Nachfolge von Pierluigi Tami als Nationalmannschafts-Direktor sprechen? Oder ob es mit Pia Sundhage als Trainerin der Frauen weitergeht?
Zum Beispiel. Sundhage bereitet im Herbst die WM-Qualifikation vor, ihr Vertrag endet aber Ende Jahr. Eine ähnliche Situation wäre unvorstellbar bei den Männern. Soll Sundhage bleiben?
Pia Sundhage hat uns mitgeteilt, dass sie gerne weitermachen möchte, wenn auch ihre Assistenten einen Vertrag erhalten. Es wird zwei Zusammenzüge geben, und wir haben mit Pia die nötige Zeit, um die für den SFV beste, zukunftsorientierte Lösung zu finden. Zudem unternehmen Marion Daube und Johan Djourou eine grosse EM-Analyse.
Wer folgt auf den Nationalmannschafts-Direktor? Pierluigi Tami hat schon länger den Rücktritt im kommenden Sommer angekündigt. Ist er bereits eine «lame duck»?
Tami wird im Sommer das reguläre Pensionsalter erreichen, ganz einfach. Pierluigi ist der erste professionelle Nationalmannschafts-Direktor im Verband, seine Erfolge mit dem A-Nationalteam muss ich nicht aufzählen. Die Strukturen und die personellen Besetzungen in den Staffs sind hervorragend, auch im internationalen Vergleich. Für den Übergang werden wir vorbereitet sein.
Gibt es Überlegungen, die Neubesetzung des Direktors mit Strukturänderungen zu verbinden?
Strukturänderungen im Verband brauchen einen längeren Vorlauf. Nimmt man etwa die gestiegene Bedeutung des Frauenfussballs, könnte man darüber nachdenken, wie Strukturänderungen unseren Kernauftrag optimieren, möglichst gute Spieler und eben auch Spielerinnen zu entwickeln.
Im Wahlkampf sagten Sie, der Nachwuchs leide und die Aufbauarbeit von dreissig Jahren sei gefährdet. Jetzt stehen Sie in der Verantwortung, dies zu ändern. Was unternehmen Sie?
Ich werde nicht müde, exakt dies zu wiederholen und klar zu benennen: Lasst die Jungen spielen, gebt ihnen Einsatzzeit! Das gilt von A bis Z, von den Profis bis zu den Amateuren. Die Abteilungen der Junioren und Juniorinnen sind riesig, die Investitionen der Profi-Klubs in die Nachwuchsabteilungen in Bezug auf das Gesamtbudget hoch. Die jungen Talente müssen den Anschluss an die Spitze finden. Es geht um den Kulturwandel, mutig zu sein und häufiger junge Spieler einzusetzen. Das ist meine Botschaft, die ich immer wieder für unseren gesamten Fussball platziere und auch einfordere.
Das sind Worte. Was sind die Taten?
Wir sind mit Hochdruck daran, neue Ideen zu prüfen und zu erarbeiten. Vor allem auf ihre Umsetzbarkeit. Ganz zentral ist der Übergangsbereich zu den Profis. Jedes Wochenende schaue ich auf die Einsatzzeiten der jungen Spieler – diese Zahlen müssen wir gemeinsam steigern. Wir können am Fundament der Ausbildung noch so viel richtig und toll machen, aber wenn wir es oben im Übergang zu den Profis nicht umsetzen, dann war die ganze Arbeit vorher umsonst.
Nochmals: Wie wollen Sie die schönen Pläne umsetzen?
Es gibt verschiedene Interessen, was auch vollkommen normal und legitim ist. Zwischen den Abteilungen, den Profis und der 1. Liga zum Beispiel. Und auch die Interessen der Profi-Vereine unterscheiden sich. Hier braucht es einen klaren, umsetzbaren Konsens zugunsten der Zukunft unseres Fussballs. Und es braucht ein ausgereiftes, umsetzbares Paket, das mehr Spieler und Spielerinnen für die Nationalmannschaften hervorbringt. Wir können es uns nicht leisten, mit unfertigen Ideen zu kommen, sonst ist das ganze Thema auf einen Schlag erledigt. Es geht nur mit Vorschlägen, die gut begründet sind und die die Thematik des Übergangsbereichs grundlegend und nachhaltig positiv beeinflussen werden.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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